Selbstlerneinheit zur Vorbereitung der Abschlussfahrt nach Prag
In der letzten Stunde hast du die Geschichte Prags von der Antike bis zur Gründung der Tschechoslowakei kennengelernt. Du weißt nun: Am 28. Oktober 1918 wurde die Tschechoslowakische Republik ausgerufen.
Diese Stunde vertieft genau diese Zeit: Was war das für ein Staat? Wer regierte? Warum gilt er als Besonderheit – und warum scheiterte er trotzdem?
Tomáš Garrigue Masaryk (1850–1937) war Philosoph, Universitätsprofessor und leidenschaftlicher Demokrat. Er lehrte an der Karlsuniversität in Prag und war einer der schärfsten Kritiker der habsburgischen Herrschaft. Schon vor dem Ersten Weltkrieg setzte er sich öffentlich für Meinungsfreiheit und nationale Selbstbestimmung ein.
Als der Erste Weltkrieg ausbrach, floh Masaryk ins Exil. Von London, Paris und Washington aus warb er bei den Regierungen der Entente für einen eigenständigen tschechoslowakischen Staat. Er überzeugte die USA, Großbritannien und Frankreich: Die Tschechoslowakei, so argumentierte er, solle ein demokratischer Staat sein – ein verlässlicher Partner im künftigen Europa.
Am 28. Oktober 1918 riefen die tschechischen Nationalräte in Prag die Tschechoslowakische Republik (ČSR) aus. Das Habsburger Kaiserreich war kurz vor dem Zusammenbruch; die Ausrufung erfolgte fast ohne Gewalt. Masaryk wurde im November 1918 zum ersten Staatspräsidenten gewählt – aus dem Exil, noch ohne zurückgekehrt zu sein.
Masaryk prägte die neue Republik entscheidend. Er stand für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und humanistische Werte. Sein Bild hing in unzähligen tschechoslowakischen Schulen. Er blieb bis 1935 Präsident und gilt bis heute als Nationalheld – in Tschechien führt die wichtigste internationale Auszeichnung des Landes seinen Namen.
Die Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit (1918–1938) wird von Historikern als „Demokratie-Insel" in Ostmitteleuropa bezeichnet. Während ringsherum autoritäre Regime entstanden – in Polen, Ungarn, Österreich, Rumänien – blieb die ČSR ein demokratischer Rechtsstaat mit funktionierendem Parlament und regelmäßigen Wahlen.
Die Verfassung von 1920 garantierte ein allgemeines Wahlrecht für Männer und Frauen, Presse- und Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und den Schutz von Minderheiten. Das Bildungssystem war gut ausgebaut; die Karlsuniversität Prag gehörte zu den renommierten Hochschulen Europas.
Wirtschaftlich war die ČSR eine der am stärksten industrialisierten Regionen Europas – das Böhmische Becken mit seinen Industriezentren rund um Pilsen, Brünn und im Sudetenland produzierte Maschinen, Textilien und Waffen von Weltrang. Die Škoda-Werke wurden weltbekannt. Der Lebensstandard lag deutlich über dem vieler Nachbarstaaten.
Prag blühte als kulturelle Metropole. Kafka schrieb auf Deutsch in Prag; tschechische, deutsche und jüdische Kulturschaffende wirkten Seite an Seite. Das Prager Kaffeehaus war ein Ort europäischen Geisteslebens.
| Land | Regierungsform 1920er Jahre | Besonderheit |
|---|---|---|
| Tschechoslowakei | Demokratie | Stabiles parlamentarisches System, Verfassung 1920 |
| Polen | Autoritär ab 1926 | Militärputsch Piłsudski 1926, Einschränkung der Demokratie |
| Ungarn | Autoritär | Horthy-Regime ab 1920, konservativ-autoritär |
| Österreich | Autoritär ab 1933 | Dollfuß-Diktatur ab 1933, Ausschaltung des Parlaments |
| Deutschland | NS-Diktatur ab 1933 | Weimarer Republik scheitert; Hitler Reichskanzler ab 1933 |
Die ČSR war ein Vielvölkerstaat: Neben Tschechen (ca. 51 %) und Slowaken (ca. 16 %) lebten etwa 3,2 Millionen Sudetendeutsche (ca. 23 %) im Land, dazu Ungarn, Polen, Ruthenen und weitere Gruppen. Die Verfassung schützte Minderheitenrechte – Schulen, Zeitungen und Behörden in der Minderheitensprache waren möglich.
In der Praxis gab es jedoch Spannungen: Sudetendeutsche Parteien beklagten, dass Tschechen bei Staatsanstellungen bevorzugt wurden. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 traf die sudetendeutschen Industrieregionen besonders hart – die Arbeitslosigkeit war hoch.
1933 nutzte Konrad Henlein die Unzufriedenheit: Er gründete die Sudetendeutsche Partei (SdP), die sich mehr und mehr an Hitlers NSDAP orientierte. Bei den Wahlen 1935 wurde die SdP mit fast 68 % der deutsch-böhmischen Stimmen stärkste Partei der Sudetendeutschen.
Hitler instrumentalisierte das „Sudetenproblem" für seine Expansionspolitik. Er forderte zunächst Autonomie, dann den Anschluss der sudetendeutschen Gebiete ans Deutsche Reich. Die westlichen Demokratien gaben dem Druck nach: Im Münchner Abkommen vom 29. September 1938 zwangen Großbritannien, Frankreich und Italien die ČSR, das Sudetenland abzutreten – ohne die Tschechoslowakei selbst an den Verhandlungen zu beteiligen.
"Wir wollen heim ins Reich! Jahrelang haben wir gekämpft, jahrelang haben wir gewartet. Unsere Sprache, unsere Kultur, unser Volkstum wird nicht länger unterdrückt werden. Das sudetendeutsche Volk steht zu seinem Führer – und sein Führer steht zu uns."
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Die Tschechoslowakische Republik wurde am ausgerufen. Erster Staatspräsident wurde . Die ČSR gilt als besonders, weil sie die einzige stabile in Ostmitteleuropa war. Die von 1920 garantierte allgemeines Wahlrecht und Grundrechte. Die größte Minderheit in der ČSR waren die mit ca. 3,2 Millionen Menschen. Im Jahr 1938 zwangen die Westmächte die ČSR im , das Sudetenland abzutreten.
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