NS-Herrschaft (1938–1945) und kommunistische Diktatur (1945–1967) in der Tschechoslowakei
In Stunde 2 hast du gelernt: Die Tschechoslowakei war die einzige stabile Demokratie Ostmitteleuropas – reich, modern, multikulturell. Doch 1938 endet diese Ära. In diesen beiden Stunden verfolgst du, wie die ČSR erst unter NS-Herrschaft leidet und dann unter kommunistische Diktatur gerät.
Du wirst Quellen und Darstellungen analysieren, Perspektiven vergleichen und am Ende ein begründetes Urteil formulieren.
„Ich glaube, dass dieser Friede für unsere Zeit ist. Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie ruhig."
Der britische Premierminister Neville Chamberlain hatte gemeinsam mit dem französischen Ministerpräsidenten Daladier, dem italienischen Diktator Mussolini und Adolf Hitler das Münchner Abkommen unterzeichnet. Die Tschechoslowakei wurde nicht zu den Verhandlungen eingeladen.
Das Abkommen verpflichtete die ČSR, das Sudetenland – jenes Grenzgebiet mit rund 3 Millionen deutschsprachigen Einwohnern – innerhalb von zehn Tagen an das Deutsche Reich abzutreten. Großbritannien und Frankreich erhofften sich dadurch, Hitlers Expansionsdrang zu befriedigen und einen neuen Weltkrieg zu verhindern. Diese Politik wurde als Appeasement bekannt.
Das Münchner Abkommen war für die Tschechoslowakei eine Katastrophe: Das Sudetenland, das wirtschaftlich und militärisch zentral war, ging verloren. Rund ein Drittel der Industriekapazität und die wichtigsten Grenzbefestigungen fielen an Deutschland.
Für Tschechen und demokratische Europäer war es ein Schock. Der tschechische Außenminister Kamil Krofta sprach von einem „Schicksalsschlag" und fügte hinzu: „Wir werden nicht allein sein – wir werden uns rächen." Andere Beobachter beschrieben das Abkommen später als „Verrat von München" (zrada Mnichova).
Nur sechs Monate nach dem Abkommen, am 15. März 1939, marschierten deutsche Truppen in die Rest-Tschechoslowakei ein. Hitler hatte sein Versprechen gebrochen. Chamberlains „Frieden für unsere Zeit" hatte gerade sechs Monate gehalten.
Am 15. März 1939 marschierten Wehrmacht-Truppen in Prag ein. Hitler erklärte die böhmischen und mährischen Länder zum „Protektorat Böhmen und Mähren" – formal ein Teil des Deutschen Reiches unter „Schutz". Die Slowakei wurde zum abhängigen Vasallenstaat Hitlers erklärt.
An der Spitze des Protektorats stand zunächst der greise Konstantin von Neurath. 1941 schickte Hitler den SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich als stellvertretenden Reichsprotektor nach Prag. Heydrich war einer der brutalsten Männer des NS-Regimes und Mitorganisator der Wannsee-Konferenz (1942), auf der die systematische Ermordung der europäischen Juden beschlossen wurde. In Prag setzte er auf eine Mischung aus Terror gegen den Widerstand und taktischen Zugeständnissen an tschechische Arbeiter, um die kriegswichtige Rüstungsproduktion aufrechtzuerhalten.
Im Mai 1942 erschossen tschechoslowakische Fallschirmjäger, ausgebildet in England und abgeworfen vom britischen Geheimdienst SOE, Heydrich in Prag. Er starb wenige Tage später an seinen Verletzungen. Die NS-Vergeltung war brutal: Das Dorf Lidice wurde vollständig ausgelöscht – alle Männer erschossen, Frauen und Kinder deportiert, die Häuser gesprengt.
Gleichzeitig gab es in der tschechischen Bevölkerung ein breites Spektrum an Verhaltensweisen: aktiven Widerstand, passive Resistenz, Kollaboration und schlichte Anpassung, um zu überleben.
„Wir lebten in ständiger Angst. Jede Denunziation konnte das Ende bedeuten. Man sprach nicht mehr offen auf der Straße, man vertraute sich nur noch den engsten Freunden an. Und doch: Das Leben ging irgendwie weiter. Man kaufte ein, man fuhr zur Arbeit – aber man wusste: Wir sind in unserem eigenen Land Fremde geworden."
Einer der mächtigsten Männer des NS-Regimes. Mitorganisator der Wannsee-Konferenz (Januar 1942). In Prag berüchtigt für brutale Repression gegen den Widerstand. Ermordet durch tschechoslowakische Fallschirmjäger im Mai 1942. Die Vergeltungsaktion traf das Dorf Lidice.
Terezín – auf Deutsch: Theresienstadt – liegt rund 60 km nordwestlich von Prag. Die NS-Behörden verwandelten die ehemalige Garnisonsstadt ab 1941 in ein jüdisches Ghetto. Terezín diente als Durchgangslager: Die meisten Gefangenen wurden von hier aus weiter in die Vernichtungslager deportiert, vor allem nach Auschwitz.
Insgesamt wurden ca. 155.000 Juden aus dem Protektorat, aus Deutschland, Österreich und anderen Ländern durch Terezín geschleust. Etwa 35.000 starben direkt in Terezín an Hunger, Krankheit und den Haftbedingungen. Mehr als 80.000 wurden weiterdeportiert – die meisten wurden ermordet.
Die NS-Propaganda nutzte Terezín gezielt als „Vorzeigelager". 1944 inszenierte die SS einen Besuch des Internationalen Roten Kreuzes: Das Lager wurde mit Blumenkästen und Scheingeschäften hergerichtet, Gefangene wurden gezwungen, Theater zu spielen und Sport zu treiben – vor den Kameras. Unmittelbar nach dem Besuch wurden Tausende nach Auschwitz deportiert.
Trotz der schrecklichen Bedingungen entstand in Terezín ein bemerkenswertes kulturelles Leben: Häftlinge schufen Kunstwerke, schrieben Gedichte, komponierten Musik – oft heimlich. Viele dieser Werke überlebten ihre Schöpfer.
Der Film zeigt Häftlinge beim Fußballspiel auf einem sorgfältig gemähten Rasen. Kinder spielen lachend im Hintergrund. Eine Frau kauft in einem Ladengeschäft ein, das eigens für den Film eingerichtet wurde. Kommentarstimme: „Hier leben die Juden in Sicherheit und Würde, unter dem Schutz des Reiches – weit weg vom Krieg."
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 war die Tschechoslowakei ein zutiefst traumatisiertes Land. Das Münchner Abkommen und die westliche Untätigkeit während der NS-Besatzung hatten das Vertrauen in die westlichen Demokratien erschüttert. Die Rote Armee hatte Prag befreit – das stärkte die Sympathie für die Sowjetunion und die Kommunistische Partei (KPČ) enorm.
Bei den ersten freien Wahlen 1946 wurde die KPČ mit 38 % der Stimmen stärkste Partei. Parteivorsitzender Klement Gottwald wurde Ministerpräsident einer Koalitionsregierung. Die Kommunisten nutzten ihre Ministerien systematisch, um Schlüsselstellen in Polizei, Militär und Verwaltung mit parteitreuen Personen zu besetzen.
Im Februar 1948 eskalierte die Lage: Nicht-kommunistische Minister traten zurück, um eine Regierungskrise auszulösen und Neuwahlen zu erzwingen. Sie rechneten damit, dass Präsident Beneš sie unterstützen würde. Doch Beneš, krank und unter massivem Druck, akzeptierte die Rücktritte und ernannte eine kommunistisch dominierte Regierung. Gleichzeitig übernahmen von der KPČ kontrollierte Aktionskomitees in Fabriken, Schulen und Gemeinden die Macht.
Die Kommunisten nannten diesen Vorgang „Vítězný únor" – den „Siegreichen Februar". In der Tschechoslowakei begann eine kommunistische Diktatur, die mit kurzen Unterbrechungen bis 1989 dauern sollte.
Nach der Machtübernahme errichtete die KPČ eine stalinistische Diktatur: Die Presse wurde gleichgeschaltet, andere Parteien aufgelöst oder zur Zusammenarbeit gezwungen. Die Wirtschaft wurde verstaatlicht, private Betriebe enteignet, Landwirtschaft kollektiviert. Kirchen wurden überwacht, religiöse Bildung eingeschränkt.
Zwischen 1949 und 1952 fanden sogenannte Schauprozesse statt – politische Schauprozesse nach sowjetischem Vorbild. Hochrangige Kommunisten, die als „Abweichler" oder „Verräter" galten, wurden unter dem Druck von Folter und psychologischer Manipulation zu falschen Geständnissen gebracht und hingerichtet. Bekanntestes Opfer: Rudolf Slánský, Generalsekretär der KPČ – er gestand unter Zwang, ein „jüdisch-zionistischer Trotzkist" und Verräter zu sein, und wurde 1952 hingerichtet.
Im Alltag bedeutete die kommunistische Herrschaft: Zensur aller Medien, staatliche Kontrolle der Bildung, Mangel an Konsumgütern, eingeschränkte Reisefreiheit, permanente Überwachung durch die Staatssicherheit (StB). Wer Karriere machen wollte, musste KPČ-Mitglied sein oder zumindest die Parteilinie befolgen.
In den 1960er Jahren begann – zunächst langsam – eine kulturelle Lockerung: tschechoslowakische Filme, Literatur und Musik gewannen internationale Anerkennung. Diese Öffnung war der Nährboden für den Prager Frühling 1968.
„Mein Vater war Arzt. Er trat nie der Partei bei. Das kostete ihn seine Karriere – er durfte nur noch als einfacher Sanitäter arbeiten. Wir Kinder lernten früh: Zu Hause sagst du eine Meinung, in der Schule eine andere. Das war normal. Man wusste einfach, was man sagen durfte und was nicht. Erst viel später merkte ich, wie sehr das die Menschen verändert hatte."
Am 15. März marschierten deutsche Truppen in Prag ein. Hitler erklärte die Region zum „ Böhmen und Mähren". Das Lager diente als Durchgangslager und wurde für einen Besuch des Roten Kreuzes als Propagandakulisse inszeniert. Nach dem Krieg wurde die ČSR durch die befreit. Die KPČ gewann die Wahlen 1946 mit Prozent. Im Februar übernahmen die Kommunisten die Macht – sie nannten es „Vítězný únor", den Februar. Die inszenierten zwangen Parteifunktionäre zu falschen Geständnissen.
Beide Systeme herrschten über die Tschechoslowakei – aber auf unterschiedliche Weise. Schau dir die Tabelle an und bearbeite dann die Aufgaben.
| Merkmal | NS-Herrschaft (1939–45) | Kommunismus (1948–67) |
|---|---|---|
| Legitimation | Rassenideologie, „Lebensraum" | Marxismus-Leninismus, „Arbeiterklasse" |
| Herrschaftsform | Besatzungsregime von außen | Einparteienstaat von innen |
| Verfolgung | Rassische Verfolgung (Juden, Roma), politischer Widerstand | Politische Verfolgung, Schauprozesse, Staatsfeinde |
| Wirtschaft | Rüstungswirtschaft, Ausbeutung | Zentralplanung, Kollektivierung, Verstaatlichung |
| Propaganda | NS-Rassenpropaganda, Terezín-Inszenierung | Kommunistische Ideologie, Zensur, Gleichschaltung |
| Ende | Militärische Niederlage 1945 | Samtene Revolution 1989 |
Du hast NS-Besatzung, Protektorat, Terezín, die kommunistische Machtübernahme und den Alltag unter der Diktatur erarbeitet.